Büroberufe für blinde und sehbehinderte Menschen

Zwei technische Erfindungen haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Berufsaussichten blinder und sehbehinderter Personen wesentlich verbessert und können daher geradezu als segensreich bezeichnet werden. Es waren dies das Telefon und die Schreibmaschine, die allmählich in den Behörden und Firmen zur Anwendung gelangten. Für den Arbeitsablauf waren diese Neuerungen damals ähnlich revolutionär wie vor kurzem noch die Umstellung auf Computer.

Weitblickende Blindenpädagogen haben schon früh erkannt, welche Bedeutung vor allem die Arbeit mit dem Telefon für blinde Menschen haben könnte. So gab es vor dem Ersten Weltkrieg im soeben gegründeten Blindenfürsorgeverein für Tirol und Vorarlberg überlegungen, blinde Schulabgänger zu Telefonisten auszubilden. Angesichts der schwierigen Zeiten verliefen dann dieseBemühungen wieder im Sande.

In Deutschland jedoch begann man schon zwischen den Weltkriegen, Blinde und Sehbehinderte zu Telefonisten und Stenotypisten auszubilden. Eigene Handelsschulen wurden eingerichtet und für blinde Stenotypisten wurde eine spezielle Blindenstenografie erfunden, die ein wirklich schnelles Erstellen von Protokollen ermöglichte. Dazu erfand man die Stenografiermaschine, ein relativ kleines handliches Gerät, bei der auf einen Streifen geschrieben wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Ausbildung blinder Telefonisten und Stenotypisten auch in österreich, wobei hier das Blindenbildungsinstitut Wien eine führende Rolle spielte. In Tirol wurde 1950 der erste blinde Telefonist eingestellt.

In den folgenden Jahrzehnten fanden sehr viele Blinde und Sehbehinderte einen Arbeitsplatz als Telefonisten und Stenotypisten. Hauptsächlich waren es öffentliche Stellen wie Ministerien, Landesregierungen, Stadtverwaltungen, Universitäten, Krankenkassen, aber auch Versicherungsgesellschaften und Firmen, die entsprechende Arbeitsplätze einrichteten. Im Kärntner Landtag arbeitete ein hochgradig sehbehinderter Mitarbeiter bis zu seiner Pensionierung als Landtagsstenograf. überwiegend wurde und wird die Leistung der blinden und sehbehinderten Beschäftigten geschätzt und entsprechend honoriert. Was die Arbeit für die Betroffenen selbst bedeutet, braucht hier wohl nicht näher erläutert zu werden.

In den letzten 25 Jahren gab es dann durch den Einsatz von Computern und modernen Kommunikationsmedien wie Internet erneut tiefgreifende Veränderungen, die uns Blinde und Sehbehinderte vor neue große Herausforderungen stellten. Die Arbeitsplätze mussten entsprechend mit den neuesten elektronischen Hilfsmitteln wie Braillezeilen, Sprachausgabegeräten und Großbildschirmen ausgerüstet werden. Dank des Behinderteneinstellungsgesetzes sind derartige Arbeitsplatzausstattungen finanziell gesichert. Für blinde und sehbehinderte Personen, die heute im Bürobereich arbeiten, bedeutet dies, dass sie die nötigen Computerprogramme zur Erstellung von Texten, Datenbanken und Internet bestens beherrschen müssen. Da ein schnelles Arbeiten heute überall gefordert wird, ist auch ein rasches Lesen auf der Braillezeile oder am Bildschirm unerlässlich.

Durch die neue Technologie wurden leider auch viele ehemalige Arbeitsplätze wegrationalisiert und immer mehr Blinde und Sehbehinderte arbeiten heute in den so genannten Callcenters, in denen oft die Arbeitsbedingungen nicht optimal sind. Dennoch darf man nicht übersehen, dass sich dank der neuen technischen Hilfsmittel auch neue Möglichkeiten ergeben. Der rasche Zugriff zu Datenbanken und Informationsquellen bietet die Chance, dass die Betroffenen auch bei Auskünften und Servicestellen tätig sein können.

Was wird heute von einem blinden und sehbehinderten Mitarbeiter in einem Büroberuf verlangt:

- ein vorbildliches Kommunikationsverhalten,
- eine deutliche und gut verständliche Aussprache,
- gute innerbetriebliche Kenntnisse,
- Mobilität und Flexibilität am Arbeitsplatz,
- Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Team,
- grundlegende Fremdsprachenkenntnisse je nach Bedarf,
- Bereitschaft zur permanenten Weiterbildung,
- professioneller Umgang mit den elektronischen Hilfsmitteln,
- Beherrschung der Basistechniken Lesen und Schreiben.

Schulen und Berufsausbildungseinrichtungen sind hier aufgefordert, ihre Lehrgänge den heutigen Erfordernissen anzupassen. Das große Ziel muss es sein, auch in Zukunft blinde und sehbehinderte Menschen im Berufsleben zu integrieren. Die berufliche Integration ist Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration.

Aus "Hugo", dem Informationsblatt des Sonderpädagogischen Zentrums in Innsbruck


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Letztes Update 23. März 2005
© by Prof. Klaus Guggenberger